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Erich Neuß
Wanderungen durch die Grafschaft Mansfeld
Bald hinter Gödewitz wird das Tal des Fienstedter Bächleins flacher, doch furcht es noch deutlich das Gesicht der weiten, schier unbe- grenzten Ebene. Wir sind im Lande des Mansfelder Weizens und der Saalgerste, die recht eigentlich eine Mansfelder Gerste ist, für die sich jener Handelsname eingebürgert hat. In dem milden, tiefen Lößboden wächst und gedeiht das blonde, langgrannige Korn der Germanen, und wenn die kühnen Deutungen des Chronisten zu Recht be- stünden, so möchte Fienstedt, dessen trauliches Dorfbild sich nun zur Gänze darbietet, wohl die feine Stätte heißen, die es in Wahrheit auch ist. Die Fluren zwischen Gödewitz und Fienstedt heißen: der Heringsrücken und - jenseits des Baches - die Kuhleitsch-Stücke. Wir denken dabei an den Ortsnamen Quillschina. Fienstedt ist eine Quellsiedlung; mitten auf dem Dorfplatz entspringt, früher stärker als heute, das Wässerlein, das auch Kuhleitsch- oder Koletschbach genannt wird. Es nimmt aber noch im Weichbild des Dorfes zwei Rinnsale auf; das eine entspringt in einem kleinen Hain, dort, wo die Wilser Straße den Ort verläßt, das andere ein wenig südlicher in der Pfingstwiese. Zwischen beiden erhebt sich, ein flacher Bühel, der Hopfenberg. Sein Name bedarf keiner Erklärung; auf diesem fruchtbaren Fleck zwischen feuchten, in der Kühle von Morgen und Abend leicht nebelnden Gründen gedieh einst die Bierrebe. Eine Zier der nächsten Umgebung Fienstedts sind die wundervollen Baumgruppen, meist Pappelhaine; sie sind für den Wasserhaushalt jener Flurteile von großer Bedeutung. Die Mulde des Kuhleitschbaches ist noch jenseits, also westlich des Dorfes in den Feldern zu verfolgen, und ihr letzter Ausläufer heißt das Zörnitzer Tal. Sie ist nebst ihren Verzweigungen in den Löß gerissen, und auf den stehengebliebenen Horsten bauen sich die Höfe Fienstedts auf; vom Anger und Dorfplatz gesehen, wirken sie, die noch manchen baulichen Rest aus älterer Zeit enthalten: Grundgemäuer, Durchfahrten, Stützpfeiler usw., wie kleine Festungen. Mittelpunkt der Siedlung ist bis heute der Quell, daneben der Dorfteich und die beiden Zwölf-Pappel-Kreise, die die Bauernsteine einschließen. Der kräftige Turm der Stephanskirche beherrscht das wirklich vielgestaltige Bild dieses Platzes, der seinesgleichen sucht in den Dörfern des Landes. Auf ihn schauen die stattlichsten Bauernhöfe des Dorfes, darunter der alte Boltzesche Stammhof, heute Hof Carl Friedrich Wentzels, des Sohnes von Carl Wentzel in Teutschenthal. Seine alten und neuen Inschriften erzählen seine Geschichte: "Hans Boltze Anno 1622". "Mein freund Richte mich nicht und die meinen sondern besiehe dich nur und die deinen. Findest du nichts an dir und den deinen Als den Kom und Richte mich und die meinen." "Friedrich August Boltze 1798" usf. bis zu Chamissos Bauernwort aus dem "Riesenspielzeug". Daß Fienstedt ein seit undenklichen Zeiten besiedeltes Dorf ist, daß es der Vorort für einen größeren Bezirk gewesen sein muß - in kirchlicher Beziehung ist dies auch heute noch so -, erweist seine Geschichte, von welcher Seite wir sie auch betrachten. &sup63; Es hat seinen Namen seit der altthüringischen Zeit fast unverändert bewahrt. Den anglischen Sippen, die es begründeten oder benannten, fiel die "sehnige" oder moorige Beschaffenheit des Quellgrundes, an dem sie sich niederließen, ebenso ins Auge, wie wir sie noch heute für wahrscheinlich halten. Aber der Siedelplatz war günstig: Wasser in Fülle, und rings in der Runde die ebenen, fruchtbaren und warmgründigen Ackerbreiten, ein Teil der seit alters waldarmen und offenen Gefilde Mitteldeutschlands. Als Finegestad 1222 und Vinstede 1288 urkundlich zuerst erwähnt, gehört es mit seiner Stephanskirche doch zu den viel früher in die kirchliche Organisation der Diözese Halberstadt einbezogenen Dörfern Mansfelds.

Daß die Chronisten sich mit Fienstedt ausführlich beschäftigten, nimmt nicht wunder. Von der "feinen Stätte" hörten wir schon, und es ist glaubhaft, daß das Dorf den Bewohnern der Wendenweiler Zedewitz, Plossa, Zeperkau und wie sie sonst in der Saaleaue verstreut lagen, als die bessere Stätte erschien, in die sie schließlich vor den Hochfluten und den Sumpfmücken flüchteten. Spangenberg fabelt von einem "Deutsch-gotischen" Volk der Finnen, dem Fienstedt (wie auch das Finnegebirge) seinen Namen verdanke; das sei ihm verziehen, weil er, vielleicht auf Grund uralter, damals noch lebendiger Überlieferung hinzufügt, es seien von den "Finnen", "viel mit den Thüringern aus der Cimbrica Chersoneso oder Juythland in diese Landart diesseits der EIbe und den Hartz kommen und im Fortreisen ihres Namens Gedächrnis je bisweilen an etlichen Örtern gelassen."

Welche Rolle Fienstedt bis auf diesen Tag im Himmelfahrtsfest spielt, wissen wir bereits. Es war aber auch alter Gerichtshauptort, wohl ehe noch die friedeburgische Amtseinteilung wirksam wurden: "Zu Finstett hält man jährlich vier Hochgerichte und auch vier Nachgerichte. Das erste Hochgericht Dornstag nach trium Regum, das andere die Woche Quasi modo geniti, das 3. Dornstag nach Trinitatis, das 4. Dornstag nach der Gemeindewoche, und die Nachgerichte allezeit 14 Tage darnach, da die, so in Hohegerichten gerügt worden, Abtrag machen müssen." Bis der Friedeburger Amtmann Achim Pentz, der harte Bauernschinder, diese Gerichte 1562 in die Salzmünder Schenke legte, sie verkleinerte, und die Fienstedter Bauermeister, welche diese Bauernsprachen ausrichteten, in ihren Rechten verkümmerte. Spangenberg erzählt auch manches über Irrung und Unglück im Dorfe: Feldhändel, Brandstiftungen, Viehstreitigkeiten, Sterben von Mensch und Tier; vom Wettermacher Doctor Pfeil, der ein alter Fienstedter Bauer war; von der Seuche im Jahre 1530, die nicht aufhörte, ehe man dem unlängst an eben dem Übel gestorbenen Pfarrer Johann Reiser den Hals mit einem Grabscheit abstach. Der Küster wollte nämlich gehört haben, wie der Verstorbene im Grabe schmatzte und um sich fraß. Damals starben vier Fienstedter Pfarrer binnen wenigen Monden hintereinander an der furchtbaren Seuche.

Fienstedts Seelsorger sind seit 1428 namentlich und in ihren Lebensumständen bekannt. Davon dreizehn allein aus katholischer Zeit. Der letzte war Cyriax Körber, der um das Jahr 1557 lebte, dann seine Köchin heiratete und als erster protestantischer Geistlicher nicht übel seines Amtes waltete. Aber vor ihm welche Schicksale und welche Männer oft! Der eine von seltsamen und ärgerlichem Wandel, der andere wieder unsträflich, der eine" wunderbatlicher Meßpriester", der nach der Messe regelmäßig ein gut Teil Pflaumen verzehrte, und wenn ihn seine Bauern daraufuin anredeten, antwortete: "Ein paar Pfläumichen, ein paar Pfläumichen, was kann das schaden." Der andere absolvierte seine Beichtkinder mit einem langen Messer, das stets am Altare lehnte, überdies hatte er eine Köchin nach der andern. Jacobus Boltze, Lorentz Boltzens Sohn, begegnete uns schon. Paul Hartmann wieder war ein guter Vogelsteller, Herr George aber erzürnte sich in der Beichte über ein Pfarrkind, verlor auf den Ostertag die Sprache und ließ sich zum Sterben in die einsame Klus von Lüttchendorf bringen.

Von den evangelischen Pfarrherrn Fienstedts hat sich vor allen Johann Gottfried Zeidler einen Namen gemacht.&sup64; Er war der Sohn und zuletzt Substitut Gottfried Zeidlers, der von 1655 bis 1699, davon viele Jahre erblindet, das heilige Amt verwaltete. Johann Gottfried ist am 14. September 1679 ordiniert worden, er, der Wittenberger Poeta Laureatus, der gekrönte Dichter! Daß er als Auktionator in Halle sein Leben beenden würde, hätte ihm damals wohl niemand prophezeit. Aber der einstige Jenaer Student war wohl wenig zum Pfarrer geeignet, er zog schon früher ein freies, schweifendes Leben der Bindung an das Dogma vor und war ehrlich genug, sich "aus allerhand Scrupeln und besonderen Meinungen" des Pfarramtes zu entschlagen und nach Halle zu gehen und dort als Privatmann und schließlich als Universitätsauktionator bis zu seinem jähen Tode im Jahre 1711 zu leben - und zu schreiben. Was er hinterließ, ist das Denkmal eines bis zur Abgeschmacktheit ätzenden und spöttischen Geistes, eines Menschen mit hoher Begabung, "von großem Ingenium" sagt der hallische Chronist Dreyhaupt, der ihn auch einen "großen Autodidactus" nennt. Sein humoriger Spott über die Menschen und ihre Schwächen, besonders über Gelehrtenbeschränktheit und Akademiendünkel hat Jean-Paulsche Farbe, aber er ward ein Opfer seiner eigenen Schwächen: in Ausschweifungen und Zügellosigkeiten vertat er die gesunde Kraft; was blieb, reichte für ein eben fünfzig-jähriges Leben ohne Nachruhm. Schließlich schnappte er über. Man sagt, er habe Dr. Luthers Tintenfaß besessen und benutzt, habe sich geweigert, dieses fortzugeben, unerachtet ihm viel Geld dafür geboten wurde und er selber fast nie welches besaß. Es solle kein Mißbrauch damit getrieben werden, war sein Einwand. Als warmer Verehrer des großen Thomasius beschäftigte er sich mit dessen Schriften, verteidigte ihn auch gegen Widrigkeiten, die ihm die "Unversteht zu Abel" (Universität Halle) bereitete, und übersetzte seine "Grundlehren des Natur- und Völkerrechts" ins Deutsche. Er schrieb über Wünschelruten, Buchbinderphilosophie, über Lesekunst, Allwisserei, Geisterei, verfaßte eine Über-Naturlehre, trug eine hallische Chronik zusammen, deren Handschrift noch vorhanden ist, und hinterließ auch seiner Heimat ein Geschichtswerkchen, den "Achthundertjährigen Stammbaum der Grafen von Mansfeld" vorn 880. bis zum 1703. Jahre, in dessen Zweigen der Forscher freilich nur mit Vorsicht herumklettert, will er nicht Gefahr laufen, auf trockene Äste zu treten und abzustürzen im Gewirre der Grafenlinien und der zu Zeiten zahllosen Nachkommenschaften.

Glücklicher als dieser ehrliche, aber haltlose Vernunftmensch lebte seine gelehrte Schwester, Elisabeth Susanna Zeidler. Eine gute Poetin ist sie gewesen; für den damaligen Geschmack versteht sich, und ihr "Jungferlicher Zeitvertreib", den sie 1686 in Leipzig drucken ließ, war wohl schon nicht für alle ihre Geschlechtsgenossinnen ein solcher. Sie gab Jungfernstand und Dichten auf, als sie sich 1686 mit dem Prediger Andreas Haldensleben zu Detershagen vermählte.

Seltsamer Zufall, daß ebenfalls im Fienstedter Pfarrhause ein Menschenschicksal seinen Lauf und Ausgang genommen hat, das in gar vielem dem absteigenden Wege Gottfried Zeidlers ähnelt. Freilich verklärt Zeidlers bescheidenes Skribentendasein das humorige Leuchten seines nicht unguten Spöttergemütes; Karl Heinrich Jördens Dasein widerfuhr solche Gnade nicht.65 Am 24. April 1757 als Sohn des Ortsgeistlichen geboren, wurde er 1784 Subrektor arn Cöllnischen Gymnasium in Berlin, klassischer Philologe von Ruf, war seit 1791 Inspektor und Mitdirektor des Bunzlauer Waisenhauses, das er mangels wirtschaftlicher Zucht und Verträglichkeit in Verruf brachte, bis er als Leiter des Laubaner Gymnasiums 1796 ein Amt erhielt, das seine Umsicht fortan weniger auf die Probe stellte, ihm aber Muße für seine in mancher Hinsicht verdienstliche Tätigkeit ließ. Man mußte ihn mit 68 Jahren in den Ruhestand versetzen. Das verbitterte ihn so, daß er seine großen literaturgeschichtlichen Stoffsammlungen ins Feuer warf Schlimmeres kam hinzu: wirtschaftliche Nöte, da er 17 Kinder aufzuziehen und zu versorgen hatte; eine Anklage seiner eigenen Tochter, die wohl grundlos war; denn die gerichtliche Untersuchung führte zu nichts - dann war seine Kraft zu Ende, und er endete am 6. Dezember 1835 durch Selbstmord.

Die St. Stephanskirche, deren mittelalterlicher Ursprung nur noch in Spuren am Turm erkennbar und die sonst ein Werk der geglückten Umbauten von 1662/63, 1730 und 1871 ist, war, wie in manchen Alt-Dörfern des Landes - das sind diejenigen nachweislich thüringischen Ursprungs - nicht das einzige Gotteshaus. So hat "hinter Fienstedt" der Landrichter Caspar Schröter zu Ehren S. Annen eine Klause oder Kapelle erbaut. Ein loser Bube, der sie einst beraubte, mußte die Tat zu Friedeburg mit dem Leben büßen. An der westlichen Grenze der Fienstedter Gemarkung erstreckt sich das "Kirchenfeld", der Karte nach schon auf Gorslebener Flur. Ob der Name eine letzte Erinnerung an die Annenkapelle ist?&sup66;

Die Fienstedt eigentümliche bäuerliche Struktur ist wohl noch erkennbar, aber nicht so deutlich wie noch vor hundert Jahren: 13 Vollspänner, aber nur 1 Halbspänner; nur 3 große, aber 11 kleine Kossaten. Die 13 Vollspänner - das ist der Kern der alten germanischen, der thüringischen Siedlung; die 11 kleinen Kossaten aber die Neuanbauer, die die sorbischen, immer wieder überfluteten Sumpfnester in der Saaleaue aufgaben, um auf die Hochfläche zu ziehen. Ein Wunder, daß Pfützthal aus diesem Grunde nicht auch wüst ward. Natürlich bedeutet das für die Zeit, aus der jene Zahlen überliefert sind (1780), kein Urteil über ethnische Verhältnisse. Die uns zahlreich aus dem Jahre 1558 überlieferten Namen der eingesessenen Familien lassen keine Spur slawischer Färbung mehr erkennen. Durch die Hinzunahme einer Reihe von Wüstungen ward auch die Flur weiträumig bis auf 2450 Morgen Acker und 86 Morgen Wiesen, und Fienstedt, das in alter Zeit die Saale nicht zur Grenze seiner Gemarkung hatte, gewann sie von Döblitz bis Mücheln. Hierzu kommen noch 10 Morgen Holzung - die untere Brenau bei Zörnitz.67 Doch die Weinberge nennt der magdeburgische Topograph von 1780 nicht mehr, obschon die Weinstöcke neben der Linde im Dorfsiegel und die Nennung des hl. Urban, des Schutzherrn des Weinbaus, auf der größten und ältesten Glocke, daran erinnern, daß auch Fienstedts Bauern einst Rebbau trieben. Nordöstlich des Dorfes liegt das Weinbergsfeld, hier an den Talhängen werden wir die einstigen Fienstedter Weinberge zu suchen haben.



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